Wieviel freie Meinungsäußerung läßt die Olympische Charta zu?

Derzeit diskutieren zahlreiche deutsche Athleten über verschiedene Möglichkeiten eines symbolischen Protestes während der Olympischen Spiele in Peking.

Ob beispielsweise das Tragen von T-Shirts oder von Armbändchen mit einer entsprechenden Erklärung, das Schneiden einer Glatze oder das Tragen eines orangefarbenen Bademantels in der Farbe der tibetischen Mönche (so von der deutschen Mannschaft im Wasserball angedacht) mit der Olympischen Charta konform geht, war bis heute noch unklar.

Art. 51.3 der Olympischen Charta besagt:

(…) 3. Keinerlei Demonstration oder politische, religiöse oder rassistische Propaganda ist in den Olympischen Sportstätten oder anderen Olympischen Arealen erlaubt. (…)

Ein Verstoß dagegen kann die Disqualifizierung oder den Entzug der Akkreditierung der betroffenen Person als Folge nach sich ziehen.

Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko erhoben die US-amerikanischen Athleten John Carlos und Tommie Smith bei der Siegerehrung als Zeichen der Bürgerrechtsbewegung in den USA ihre schwarzbehandschuhte Faust in den Himmel. Beide Sprinter wurden mit sofortiger Wirkung von den laufenden Wettkämpfen ausgeschlossen und aufgefordert, das olympische Dorf zu verlassen.

Das Prinzip des Artikels 51.3 ist seit über 50 Jahren in der Olympischen Charta verankert, um die Universalität der Spiele zu bewahren. Die Bestimmung soll verhindern, daß die Olympischen Wettkämpfe und Feierlichkeiten als Bühne für alle verschiedenen Arten von politischen Aussagen über bewaffnete Konflikte, regionale Unterschiede aller Art oder religiöse Streitigkeiten genutzt werden. (siehe Presseerklärung des IOC vom 10.04.2008)

Trotzdem soll die Olympische Charta eindeutig zwischen politischen Protesten und freier Meinungsäußerung unterscheiden.

Vor allem die Athleten sind jedoch derzeit verunsichert.

„Die Ungewissheit darüber, was möglich ist, beunruhigt die Sportler, denn keiner möchte seine Olympiateilnahme aufs Spiel setzen“, sagt Stefan Pfannmöller.

So forderte gestern der DLV-Generalsekretär Frank Hensel den DOSB zu einem klaren „Verhaltenskodex“ vor Ort auf.
Dennoch überlegen Athleten aktiv, in welchen Formen sie ihren stillen Protest an Chinas Tibet-Politik auch während der Wettkämpfe äußern können. So rief das von Stefan Pfannmöller (Bronzemedaillensieger bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen in der Disziplin Kanuslalom) gegründete Sportlernetzwerk Netzathleten die Aktion „Sports for Human Rights“ ins Leben. Sportler könnten während der Wettkämpfe ein blau-grünes Plastikarmbändchen mit der Aufschrift „Sports for Human Rights“ tragen und damit ihren Einsatz für die Menschenrechte sichtbar machen. Sämtliche Erlöse für den Verkauf der Armbändchen sollen an Amnesty International gespendet werden.

„Auch ein Sportler ist ein Mensch, den bewegt, was alle Menschen bewegt. Wir können nicht mehr wegschauen, wenn im Vorfeld der Spiele systematisch Menschenrechte gebrochen werden“, sagt Pfannmöller. „Ich finde es gut, dass die Sportler sich äußern.“

Mit Spannung wurde daher die heutige Stellungnahme des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erwartet. IOC-Präsident Jacques Rogge bekannte sich zum vorgeschlagenen „Prinzip des mündigen Athleten“.

„Die Freiheit der Meinungsäußerung ist ein grundlegendes Menschenrecht, und die Anwendung des Art. 51 ist eine Frage des gesunden Menschenverstands.“

„Die Fähigkeit eines Menschen zur freien Meinungsäußerung ist ein grundlegendes Menschenrecht, das keiner spezifischen Bestimmung in der Olympischen Charta bedarf, denn sie ist mit inbegriffen.“

So sollen nach Jacques Rogge die Athleten ihre Meinung frei äußern, wenn sie es wollen. Aber man solle nicht vergessen, daß es auch das Recht gibt, sich nicht zu äußern. Die Athleten sollten sich nicht verpflichtet fühlen, sich über Chinas Tibet-Politik zu äußern. Für weitere Zweifel oder Fragen stünden das IOC und die Nationalen Olympischen Komitees (NOKs) zur Verfügung.

Quelle:

UPDATE: Weitere Artikel dazu:

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  1. IOC Richtlinien zur Meinungsfreiheit « SPORTRECHT

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