Das Pferd als „Leistungssportler“

Ein Überblick

Ende Oktober bekundete die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) nach Gesprächen mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) die Absicht, bis 2009 ein Kontrollsystem auch für den Reitsport einzurichten (mehr dazu hier). Damit käme die NADA auch dem Hilferuf von Seiten der 27 deutschen Turnierveranstalter nach.

In den letzten Wochen schienen die Diskussionen um das Thema Doping bzw. Medikation im Pferdesport nicht abreißen zu wollen. So schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung „Radsport und Reitsport haben mehr gemeinsam als den Anfangsbuchstaben und die Tatsache, daß man in beiden Disziplinen aus dem Sattel fliegen kann.“ Den Anstoß für den derzeitigen Aktionismus dürften die Medikationsfälle während der Olympischen Sommerspielen in Peking und die darauf folgenden Urteile, Einsprüche und Sperren gegeben haben. Am Dienstag legte die FN gegen die Entscheidung des Internationalen Reit-Verbandes ein FEI vom 22. Oktober Berufung beim Court of Arbitration for Sport (CAS) ein. Weitere aktuelle Medienberichte über Tierquälerei, wie beispielsweise der Artikel des Magazins „Der Spiegel“ unter dem Titel „Spritzen und Schweigen“ , schürten das brisante Thema weiter.

Bislang testete die FN bei Wettkämpfen die Tiere selbst. Die NADA, die für die Organisation und Durchführung von Dopingkontrollen bei Menschen außerhalb von Wettkämpfen (sog. Trainingskontrollen) zuständige Institution hier in Deutschland, führte die Kontrollen bei den Spitzenreitern durch.

Die Erweiterung auf ein umfassendes (Trainings-)Kontrollsystem auch für Pferde bringt neben dem Fortschritt im Anti-Doping-Kampf aber auch juristische und organisatorische Probleme mit sich, deren Lösungsfindung Zeit benötigen wird. Daher wird eine Einrichtung des Kontrollsystems nicht wie gewünscht bis März 2009 realisierbar sein. Zu bedenken ist auch, dass die NADA sich bei der Einrichtung eines solchen Systems als Vorreiter auf „Neuland“ begibt und daher hierbei nicht auf Erfahrungswerte anderer Anti-Doping-Agenturen zurückgreifen, weil auch im Ausland keine Zusammenarbeit mit dem Reitsport existiert.

Aus juristischer Sicht dürfte die Neuerstellung oder Überarbeitung des bestehenden Regelwerks eine interessante Aufgabe darstellen. Das jetzige Regelwerk unterscheidet pharmazeutische Substanzen nach verbotener Medikation A und B sowie Doping. Vielfach wird von einer nicht transparanten Rechtslage und einem unklaren Regelwerk gesprochen.

Auch die Forderung der Turnierveranstalter, daß ein Reiter für sein Pferd verantwortlich sein soll, bedarf einer näheren Konkretisierung. Die Turnierveranstalter schreiben in ihrem Forderungungskatalog (hier) unter „Medikation / Doping“ Ziffer 1 folgendes: Die Verantwortung für das Pferd liegt ausschließlich beim Reiter. Wie weit soll jedoch diese Verantwortung reichen, wenn man bedenkt, daß Ross und Reiter z.B. schon allein während der Anreisezeit zu einem Wettkampf getrennt sind? Ist der Reiter auch dafür verantwortlich, was während der nächtlichen Ruhe in dem Stall passiert, in dem das Pferd während der Wettkämpfe untergebracht ist?

Aus organisatorischer und finanzieller Hinsicht sind ebenfalls noch offene Fragen zu klären, wie z.B. die Übernahme der dafür veranschlagten Kosten.

Armin Baumert, Vorstandsvorsitzender der NADA, spricht angesichts der Anzahl der Turniere (3500 deutsche Turniere) und der Pferde, die jählich an Turnieren teilnehmen, von einer Begrenzung des Testpools auf den Spitzensport. „3000 Turnierpferde können wir nicht schaffen“. Eine Definition des Spitzensports muß jedoch noch vorgenommen werden.

Weiter gibt Baumert zu Bedenken, daß bisher Tierärzte die Proben im Reitsport durchgeführt haben,„deshalb kommen unsere Kontrolleure dafür nicht in Betracht“.

Die Analysen der Proben könnten anschließend im Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln durchgeführt werden. Bereits in den 80er Jahren gab es Vereinbarungen auf Dopingtests mit der Direktion für Vollblutzucht, dem Verband der Traber und auch mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. In einem Interview mit sport.ard erläutert der Institutsleiter Prof. Dr. Wilhelm Schänzer Dopingmittel und -methoden im Pferdesport. Ebenso geht Schänzer auf den Sinn und Inhalt eines geforderten Medikationsbuches ein.

Quellen und weitere Informationen:

  • sueddeutsche.de vom 03.11.2008
  • faz-net.de vom 28.10.2008
  • rp-online.de vom 06.11.2008
  • sport.ard
  • FOCUS-Interview „Pferde springen nicht von allein“ von Axel Wolfsgruber (17.11.2008)
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung „Alarm in Parcours“ von Evi Simeoni (18.11.200)
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